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Feindbild Gruppentourist

Neue Zürcher Zeitung 29.10.2019 (mit freundlicher Genehmigung)

Massentourismus ist ein Randphänomen in der Schweiz
Mit dem Schlagwort Overtourism sind die Schweizer schnell bei der Hand.
Dabei tragen sie mit ihrem Freizeitverhalten stark zu dem Phänomen bei.
Und Gruppengäste sind ohnehin nicht das Problem. Bedrohlich ist der Trend zum individuellen Reisen.

Leidet die Schweiz an zu vielen Gästen?

Der Massentourismus erlebt ein rasantes Wachstum – das Problem ist auch hausgemacht

imr. · Das Phänomen des sogenannten Overtourism spaltet die vom Fremdenverkehr lebenden Wirtschaftssektoren und Teile der Bevölkerung wie kaum ein anderes Thema. Fragt man hiesige Touristiker, existiert der massenhafte Andrang von Reisenden zwar in städtischen Magneten wie Barcelona, Amsterdam oder Lissabon, nicht aber in der Schweiz.
Wegen der hohen Preise für Mahlzeiten und Übernachtungen machten preisbewusste Touristen einen Bogen um das Land, so dass es von den Auswüchsen des Massentourismus verschont bleibe, argumentieren Branchenvertreter. Die Bevölkerung nimmt die Situation teilweise anders wahr. In Luzern beispielsweise ärgern sich Autofahrer und Fussgänger über die zeitweise engen Verhältnisse am zentral gelegenen Schwanenplatz; dort reiht sich ein Uhrenladen an den nächsten, wobei sich diese vornehmlich an chinesische Käufer richten. Gleichzeitig missfällt es Schweizer Wanderern, wenn sie am Sonntag bei schönem Wetter den Platz an beliebten Ausflugszielen mit Fernreisenden teilen müssen. So wurde das Management der Rigibahnen jüngst dafür kritisiert, es forciere das Geschäft mit Gruppengästen zu stark. Letztlich spiegelt sich in solchen Klagen das Wachstum des globalen Tourismus, der in den vergangenen Jahrzehnten viel stärker expandierte als von den Prognostikern vorausgesagt. Gemäss den Zahlen der Weltorganisation für Tourismus zählte man im Jahr 1950 erst 25 Millionen internationale Ankünfte; 2018 belief sich diese Zahl auf 1400 Millionen. Die Wirtschaftskrisen in den Jahren 2002 und 2008 konnten dem Sektor nur kurzfristig etwas anhaben. Darin kommt auch zum Ausdruck, dass weltweit gesehen immer mehr Menschen in die Mittelschicht aufsteigen und sich internationale Reisen leisten können. Sie profitieren nicht nur von steigenden Einkommen, sondern auch von laufend sinkenden Airline-Preisen und einem wachsenden Angebot an direkten Flugverbindungen. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Weltweit machen sich Fachleute in den Tourismus-Hotspots deshalb Gedanken darüber, wie sie der Menschenströme Herr werden können. Städte unternehmen etwa Versuche mit dem sogenannten Crowd Management. So vermarktet Amsterdam ein ausserhalb der Stadt gelegenes Schloss mit der Bezeichnung Amsterdam Castle und die nahe gelegenen Strände mit Amsterdam Beach, um Gäste dorthin zu locken und Druck von der Innenstadt zu nehmen.
Auch in der Schweiz gibt es Überlegungen zum Crowd Management. Die grosse Frage aber bleibt: Gibt es hierzulande wirklich das Phänomen Overtourism, oder handelt es sich um eine zeitlich und geografisch beschränkte Erscheinung? Zumindest ein Teil des Problems ist hausgemacht. In Luzern etwa sind laut Schätzungen über 80 Prozent der Tagesgäste Einwohner der Schweiz.

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